Jeh doch ma ausm Weech mit di Akkordion!!!

Dass n Cello keen Akkordeon is, denkickmal, is klar. Müssen wa aus meiner Sicht hier nich weiter ausführen, oder? ;-)
Dass mir aber dieser Satz (der mir vor gefühlt Jahrhunderten im Berliner Bus von einem wohlwollenden älteren Mitreisenden mit Rentnerkäppi um die Ohren jehauen wurde) bis heute im Gedächtnis hängengeblieben ist, ebenso wie unzählig viele andere Anekdoten, die man nun mal erlebt, wenn man tagtäglich mit seinem Cellokasten unterwegs ist … hmm… ne echte Herausforderung, wennick ditt mal so anmerken darf. Denn wo fängt man eigentlich an, über sich zu schreiben? Was will das geneigte Publikum – falls überhaupt vorhanden – wirklich wissen? Himmel, nicht einfach, Freunde, nicht einfach.
„Sylviiiii, schreib einfach über dich! Also ruhig etwas persönlicher, für den offiziellen Werdegang oder Vita interessiert sich doch eh keeene Sau! Und du erzählst doch immer so schön…“
Jenau diesen Satz neulich von meinem guten Freund Jörg habe ich gebraucht. Denn wer kennt mich besser???
Aber ne klitzekleene Anmerkung in eigener Sache: dieser Text hier (wie auch weitere Kolumnen drüben im Blog) is wirklich nur watt für Leser. Uff jut Deutsch: Menschen, die längere Texte i.d.R. gerne und ohne zu Murren zu Ende lesen. Hier jibbts keene glattjebügelten Vitas oder Lebensweisheiten in schicken kurzen Hauptsätzen oder Life Coach Wahrheiten – hier jibbts Texte, Freunde. Meine Texte. Mal kürzer, mal länger, mal sortiert und mal eben nich. Hier darf berlinert werden, eben weil ick’s so liebe. Und weil’s n wichtiger Teil meiner Herkunft is – ne olle Ossi, sozialisiert und uffjewachsen im wunderschönen Berlin-Lichtenberg (ernst gemeint).
Wer also Bock auf erfrischende Texte hat, is hier jenau richtig. Wer nicht, auch super. Der scrollt nämlich einfach weiter und abonniert nen schicken Blog beispielsweise zum Thema Wellness/Fitness/KoreanSkinBeauty oder kiekt auf Insta/Tik Tok Influencer Putzvideos … watt weess ick.
Und los jehts.
Uffjewachsen in Berlin, später raus aus der Grossstadt, noch etwas später wieda zurück – begleitet von unzähligen Umzügen – na und heute?
Immer noch Berlin. Und manchmal sogar mit dem Gefühl, anjekommen zu sein. Aber nur manchmal. Da der nächste BVG Streik sicher nich weit is, werden pauschale Liebesbekundungen wie diese dezent zurückjehalten (doch dazu gerne später etwas mehr).
Sylvia Eulitz, in einem frühen Alter geboren, stammt aus einer Musikerfamilie und kann sich kaum an einen Tag ohne Musik oder irgendein Instrument erinnern. Mit fünf Jahren lernte sie Geige, später waren die lustigen schwarz-weißen Tasten dran (unter dem heimischen Flügel konnte man sich so herrlich verstecken!) und dann passierte es. Einfach so. (Also ehrlich, ein bisschen half der Papa nach, der sie zufälligerweise zu einem Kollegen aus der Oper mitnahm, der zufälligerweise zu Hause Kinder unterrichtete und – welch Zufall – sogar ein Cello zum Ausprobieren da hatte.) Also Zufälle jibbts wirklich, glaubt mir.
Ungläubig starrten sich die beiden an jenem Tag an, das zerzauste Mädchen und das elegante große Gerät mit den wunderschönen Zargen, welches lässig in der Ecke an der Bücherwand thronte und sie wortlos von oben bis unten musterte. Von diesem Tag an begleiteten sie diese außergewöhnlichen vier Saiten, ob nun mit der S-Bahn nach der Schule zum Unterricht, oder im Bus („Jeh doch mal Weech da mit die Akkordion!!!“) oder Jahre später mit der Bahn zum Studium mit diversen Kumpels von der Hochschule. Frei nach dem Motto: Walkman ruff, zerknittertes Buch raus. Dann war alles andere unwichtig.
Wie oft der schwere und unförmige Cellokasten hastig vom Alex aus hin zur Oper geschleppt wurde (natürlich wie imma uffn letzten Drücka) – längst vergessen. Der damalige Lehrer hatte zwar kein Verständnis fürs Zuspätkommen, aber schön fand sie den Unterricht trotzdem. Hauptsache Cello spielen!
Ein klassisches Opern- und Ballettkind war sie. Naja, Chöre gehörten natürlich genau so dazu, aber am Allerschönsten war es doch woanders. Nämlich da, wo die verschiedenen Instrumente aufgeregt durcheinander surrten, Blech, Blas & und Streichinstrumente im Zusammenklang ihren Sog entfalteten und sie nachts vor Aufregung kaum schlafen liessen.
Das Orchester! Gab es etwas Schöneres?
Von hinten bis janz nach vorne wurde verbissen geübt, manchmal leise geheult, wenn niemand es sah, dann weiterjeübt und irgendwann ganz stolz: Pult Eins. Auch wenns nicht lange hielt und andere nachrückten, so war jedoch dieses Gefühl endlich das Richtige.
Nämlich die Bühne. Da jehört se hin, das spürte dieses kleine Mädchen mit dem schiefgeschnittenem Pony ganz genau.

Allerdings war es ein langer Weg. Nie einfach, nie leicht. Aber einen anderen kannte sie nicht – wozu auch? Dem klassischen Cellospiel blieb sie lange treu, strenggenommen bis heute. Und ganz ehrlich: was bedeutet dieses komische Wort eigentlich?
Dass man sein Instrument beherrscht, sich nicht mit pauschalen Klangvorstellungen zufrieden gibt und ein ehrliches Verhältnis zu sich und seinem Instrument entwickelt? Dann ja, dann klassisch.
Vorgegebene Lebenswege oder gar Musikgenres waren nie das Ausschlaggebende. Spielten zwar mehr oder weniger ernstgemeint eine Rolle, aber was bedeutete das schon im wahren Leben…?
Die vielen Begegnungen und Reisen mit anderen aufregenden Künstlern, Fotografen, Autoren waren es, Seelen wie sie, die genau so gern Bücher lasen, leidenschaftliche Lyrik oder Prosa schrieben, die in Konzerte gingen, sich über Malerei oder Fotografie ausdrückten, Songwriter, die mit ihrer Gitarre die Bühne rockten und Songs schrieben zum Niederknien. Und im halbvollen Glas Wein immer noch ein Universum erblickten. Die Strassenmusik und das Tingeln durch Bars, Clubs und Lesecafés bestimmten ab da an ihren Alltag. In Kinofilme ging sie nur, wenn die Musik stimmte.
(Und die Knete reichte.)
Und ohne es damals zu wissen, legte ihr Auslandsjahr nach dem Abitur in Paris (mitten in den 90ern, bekanntermassen lange her) den Grundstein für ihre Besessenheit zu filmischen Scores und sinfonisch dichten Soundtrack. Und sie lernte, dass es nicht nur Menschen gab, die Musik und Kunst (er)lebten, sondern sogar auch davon lebten. Und dies mit einer solch beeindruckenden und kompromisslosen Disziplin und Zähigkeit, einhergehend mit der Fähigkeit, sich immer wieder aufs Neue einzulassen und den Blick über den Tellerrand – so voll er auch sein mag – hinweg schweifen zu lassen.
Spätestens ab da wusste sie, dass das Orchester allein nicht reichen würde. Auch wenn es eine bedingungslose Liebe fürs gesamte Leben ist.

Die Leidenschaft zum kompromisslosen Ausdruck ist das eigentlich Leitmotiv – solistische Erfahrung, gepaart mit Rock Attitüde und eben dem gnadenlos klassisch ausgebildeten Gehör, welches es (leider!!) nie leicht macht, das klare Klangideal oder gar perfekte Intonation zu erreichen bzw aufrecht zu erhalten, auf welchen Saiten auch immer.
Aber ganz ehrlich? Inzwischen darf es ruhig mal rockiger und rauer sein. Denn wie heisst ditt so schön? Der seidige Glanz entsteht im Verhältnis, nicht im Effekt. Ach und die großen Bühnen mag sie bis heute, eh klar. So wie auch die ganz kleinen. Auf die es nämlich wirklich ankommt.
Produzenten DNA? Vorhanden.
Ideen und Mut zu Entscheidungen? Nie leicht, aber sonst wärs ja auch langweilig.
Was ihre Arbeit bis heute ausmacht?
Vielleicht die dauerhafte Suche nach Geschichten, die berühren. Dann das Erzählen dieser Geschichten in Musik, Wort und Bild eben mit dem Wissen, wie ein Cello atmet, wie eine Bildkomposition wirkt, wann der Raum tragen muss und wann ein Sound beissen darf.
Vielleicht, weil sie es liebt, nicht nur die eigene Intonation am Instrument tagtäglich zu trainieren, sondern auch den fotografischen Blick zu schärfen bzw im Innern die nächste Kolumne fertig zu formulieren, sei es bei einem Glas Wein oder dem resignierten Blick auf die Anzeige am S-Bahnhof – wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat.
Aber so isset eben. Ditt is Berlin. AirPods on und quäkende Mitfahrer raus. Dann läufts.
