W A S B L E I B T
Ein Abend mit Guns N‘ Roses in Berlin | ca. 11 Minuten Lesezeit
„Naaa Schätzelein – allet jut da unten??“
Mein Handy leuchtet fragend im Dunkeln auf, während ich durch meine Sonnenbrille aufs Display starre. „Allet super hier! Bin versorgt!“, tippe ich hastig zurück und ignoriere dabei die über mich hinwegstaksenden Beine.
„Und??? Biste richtig vorne??“, taucht ne weitere Nachricht von Katchen auf. Wir zwei sind heute wie gewohnt zusammen auf dem Konzert, aber Platztechnisch verteilt – sie im 1. Rang links und ich mit Stehplatzticket (war immer noch teuer genug) mit dem niederen Fussvolk und den Hardcorefans ganz vorne. „Bin fast vorne … und Wasser is vorhanden!“, während ich schreibe, versuche ich vorsichtig mein Wasser von einer Seite zur anderen zu bugsieren.
Heute ist dieser bunte Kunststoffbecher neben dem Handy nämlich mein kostbarster Besitz, die alkoholfreie Plörre hat mit Pfand fast nur neun Euro gekostet. Der Becher sieht aber irre aus und wird nach dem Konzert definitiv mitgenommen, soviel steht schonmal fest.
Ist übrigens auch nicht einfach, sein hart erkämpftes Trinkwasser und den noch härter ergatterten Stehplatz vorne an der Bühne inmitten von Tausenden anderen Fans zu verteidigen und nebenbei noch Nachrichten zu schreiben, glaubts mir. In diesem Moment jedoch stehe ich nicht, sondern sitze mitten auf dem Boden, während sich der Innenraum vor der Bühne in der Berliner Uber Arena füllt.
Es ist Dienstag Abend, draussen wogt die Hitze, während ich auf dem Boden kauere, die Beine ausstrecke und dabei mit ein paar Mädels neben mir ins Gespräch komme. Noch ist Sitzen erlaubt, aber spätestens ab Beginn der Vorband Mammoth mit Frontmann Wolfgang Van Halen werden wir umgehend von der Security auf die Beine beordert.
„Alle uffstehen!! Und Abstand von der weißen Linie beachten!!“, heisst es im gewohnt freundlichem Security Tonfall.
„Is ja wie im Theater hier …“, murre ich leise vor mich hin. Wir rappeln uns auf und die Frau neben mir zwinkert mir zu. Ich zwinkere zurück und nippe am Mineralwasser.
„Die mit der blöden Linie …man kanns auch übertreiben…“, schimpft ne Stimme dicht hinter mir. Ich ignoriere den Bieratem und schiebe mich weiter nach vorne. Und klar, auf der Bühne in Theatern und sämtlichen anderen Eventlocations herrschen strikte Regeln. Wenn du als Musiker auf der Bühne beim Soundcheck auch nur einen Millimeter vor dem Eisernen Vorhang sitzt, herrscht Ausnahmezustand, Freunde.
Und was in den Theatern der Eiserne Vorhang auf der Bühne ist, das ist nun mal die weiße Sicherheitslinie hier im Innenbereich der Uber Arena, die mit ihrem Fassungsbereich von bis zu 17.000 Zuschauern ohne solche Regeln nun mal nicht Konzerte in diesen Dimensionen durchführen kann. Ein Teil von mir ist sogar erleichtert über diese Regeln, da ich nun mal bekanntermassen schlecht mit Menschenmassen und eskalierendem Gedränge umgehen kann. Und heute Abend spielen the only and one Guns N‘ Roses – und so wenig man mich ansonsten auf Großveranstaltungen findet (es sei denn auf der Bühne) – so ist dieser Abend einfach Pflicht.
Guns N‘ Roses.
In Berlin.
Mein erstes Mal.
Letztes Jahr waren sie in München, dieses Jahr nun endlich mal wieder da, wo se hingehören. Nämlich in meiner Nähe. ;-)
„Mit wem spielt sie heute nochmal? Gunnsss wer? Hast du das verstanden..?“, die Stimme meines Vaters heute früh im elterlichen Wohnzimmer beim Frühstücken und Zeitungslesen. „Guns N‘ Roses heissen die, ist diese englische Band! Dieter, mit denen spielt sie nicht, da geht sie hin, hat sie doch tausendmal erzählt!“, die genervte Stimme meiner Mutter aus der Küche. Wie immer entgeht ihr nichts. Und wie immer ist sie bestens informiert.
Ich verkneife mir die Korrektur, dass GNR ne amerikanische Band ist. Eh egal. „Aha …. nun ja.“ Mein Vater blättert weiter im Sportteil. Mit Bands hat er es eh nicht so. Und heute Abend spielt u.a. England gegen Ghana. Die Prioritäten meines Vaters sind da ganz klar anders verteilt. Da mich Fußball noch nie die Bohne interessiert hat, krame ich derweilen unbeeindruckt meinen 90er Look raus (inklusive dem Levis Bandana, ein Geschenk von Katchen) und überlege, welche Schuhe ich anziehe – klar werden es meine Chucks – und tobe dann raus in den Dschungel. Rinn in die heisse S-Bahn (da fuhr sie noch) und hin zu Axl, Slash & Co.
Stunden später.
„Was??? Das ist dein erstes Mal bei Guns N‘ Roses? Ich hör die seit 1992..Wie alt bist`n du eigentlich?“, ich werde ungläubig von Steffi aus Hamburg angestarrt, die mir später netterweise Wasser vom Stand organisiert und ich im Gegenzug den Stehplatz für sie freihalte. Ich zucke nur mit den Schultern und bin innerlich dankbar für den wogenden Lärm um uns herum, der mir eine längere Antwort erspart. Wie lange ich tatsächlich schon GNR höre, verrate ich an dieser Stelle lieber nicht. Geht eh keinen was an.
Und ehrlich, heute Abend bin ich nicht zum Reden da, sondern einzig und allein wegen der Band. Was mich wie die Motte zum Licht hinzieht, ist das gnadenlos dynamisch und wuchtige Zusammenspiel von Leadgitarrist Slash mit Rhythmusgitarrist Richard Fortus & Duff, dem vielleicht markantesten Bassisten weltweit. Dazu der brachial monumentale Sound, metallisch hämmernd und dauerpräsent durch den maschinenartig durchpowernden und keine Sekunde müde wirkenden Schlagzeuger Frank Ferrer. Oben thronend Keyboarder Dizzy Reed, umrankt von einer LED Lichtshow, die es in sich hatte.
Und mittendrin – Axl Rose. Immer in Bewegung, immer fokussiert, immer on. Überragender Hardrock aus tiefstem Herzen, gepaart mit endloser Perfektion und einer zutiefst imponierenden Disziplin. Denn drei Stunden lang ohne Pause wohlgemerkt so eine Show abzuliefern – das kann nicht jeder.
Was für eine Band.
STOPP.
„Sach mal, hast du n Knall??!“, würde mein damaliges Ich entsetzt zum jetzigen sagen, „zu diesen Drogenjunkies willst du gehen, für sowas gibst du Geld aus? Hast du ne Ahnung, was die für ne Geschichte hinter sich haben – törnt dich das etwa an? Und was meinst du mit geiler Musik?? Das ist nur Lärm, null Harmonie, primitive Rhythmen – sowas willst du dir freiwillig antun?? Und von wegen bester Rocksänger der Welt, Stimmenumfang von fünf bis fast sechs Oktaven – die Stimme von dem ist doch eh im Eimer, das weiß doch jeder…!“
Ja ja ja. Is ja jut.
Was interessiert mich die Stimme von Axl Rose? Weniger der Oktavumfang – beeindruckend hin oder her – wenn ich an männliche Stimmen aus der Opern bzw Klassikszene denke, jahrzehntelang bestens ausgebildet und trainiert wie ein Rohdiamant – wenn ich an Rodolfo denke, an Othello, Parsifal oder Tamino – an Stimmlagen, die in mir bis heute Gänsehaut erzeugen und mich bis ins Tiefste berühren, von denen ich jede Note jeder essentiellen Opernarie gefühlt in und auswendig kenne – was soll ich dann bei einem Axl? Bei diesem irren Typen mit den langen Haaren, tragischer Familiengeschichte, Stirnband und Unterhose auf der Bühne – nee Freunde.
Zu so einem Typen samt Band hätte mich in den 90ern keiner hingekriegt. Keiner. „November Rain“ oder „Paradise City“ hin oder her.
Und dass mich die Tatsache (stärker als ich es zugeben will) beschäftigt, warum ich Jahrzehnte später erst richtig dazu komme, mir gezielt Rockbands anzuhören, die andere seit ihrer frühen Jugend begleiten – tja. Liegt’s vielleicht daran, dass ich selbst Berufsmusikerin bin, klassisch geprägt und ausgebildet – später dann viele Jahre Tour- und Banderfahrung, immer viel unterwegs – dass ich inzwischen konsequent große Menschenansammlungen meide, keine Lust auf Konzerte und auf Dauerlärm habe?
Meine Welt wurde dominiert von Schule, Chor, Musikschule, Vorspielen, Orchesterproben und Überäumen. Gibt schlimmere Kindheiten, um ehrlich zu sein. Ansonsten fing ich erst später an, etwas anderes als Klassik zu hören bzw an mich heranzulassen (mich zwang keiner dazu, ehrlich – wenn man aus einer Musikerfamilie kommt und mit der Staatsoper groß wird – dann ist das eben so.)
Ab Mitte der 90er ging’ dann los mit Michael Jackson, Madonna, Phil Collins, Pink Floyd und Frankie Goes To Hollywood, Sting & Co – unzählige Walkmans und geklaute Kopfhörer von meinen Brüdern, heimlich überspielte Kassetten von meinem Vater – später dann der hart ersparte erste Sony Discman, stolz geshoppt im Europa Center, dem damaligen Nirvana und Einkaufsmagneten für uns Berliner Schüler. Wer sich einen Discman (samt Batterien bzw Akkus und guten Kopfhörern) leisten konnte, der galt was. Denn das war nicht nur ein bloßer austauschbarer Konsumgegenstand, das war ein Ereignis. So ausgerüstet entdeckte ich komplett neue Welten. Natürlich noch nicht die von Guns N‘ Roses – und auch nicht die damals omnipräsente Kelly Family oder ADIEMUS – nee danke. Ich tauchte lieber ab in die Sphären von Mike Oldfield und Jean-Michael Jarre – elektronische Musik und Synthesizer. Viel Fläche, viel Atmosphäre, viel Klang.
Und die ganz große Liebe? Sinfonische Soundtracks – Himmel, was für eine Offenbarung. Und bis heute bin ich felsenfest davon überzeugt, dass ein Mozart, Verdi oder gar Wagner (na gut, der vielleicht eher nicht) im heutigen Hollywood Fuss gefasst hätten und CEOS von führenden Filmscores bzw Musikagenturen geworden wären – gibt es zum Beispiel etwas markanteres als der abrupte Beginn von „Othello“? Keine Ouvertüre, kein Vorspiel – nix. Das Werk startet quasi direkt mittendrin – ein Unwetter der tosenden Seeschlacht vor Zypern. „Una véla, una véla“ – also wenn das nicht großes Kino ist, was dann?
Wie hätte ein Verdi sich heute austoben können … aber ich schweife ab.
Mal wieder.
Denn eigentlich wollte ich über Axl Rose und Guns N‘ Roses schreiben. Keine Konzertkritik à la BILD („Berlin hat Axl Rose wieder lieb!“) – nee danke. Songlisten rauf und runterbeten und unendlich durchdiskutieren – das können andere besser.
Worüber ich lieber schreibe? Über das Gefühl, welches dieser Wahnsinns Abend in der fast ausverkauften Uber Arena in mir ausgelöst hat. Über Erinnerungen und das Älterwerden, das Loslassen und Neuentdecken. Und warum dieser Abend so verdammt wichtig für mich war bzw es immer noch ist.
Das mir dieser Abend gezeigt hat, wo ich heute stehe. Und dass die eigentlichen Grenzen ohnehin nicht zwischen Klassik und Rock verlaufen. Nicht zwischen Oper und Hardrock. Auch nicht zwischen E-Cello und E-Gitarre.
Sondern irgendwo dazwischen – da, wo die Musik etwas in uns zum Klingen bringt und dort, wo sie uns gleichgültig lässt. Ob ein Axl Rose seine Stimme wieder hat oder nicht, hat mich offengestanden keine Sekunde lang interessiert.
Und Leute, im Ernst jetzt. Der Typ ist über 60 und hat sich nie geschont. Was erwartet ihr eigentlich? Was mich bis ganz nach vorne an die Bühne zog und nicht in den überteuerten ersten Rang – das war der tiefe Wunsch in mir, diese Musiklegenden endlich mal live zu sehen und zu hören. Und es hat sich gelohnt. Drei Stunden lang bebte die Uber Arena – drei Stunden lang pure Spielfreude, harter, direkter und ehrlicher Hardrock, ein Welthit nach dem anderen – ohne Pause. Was das für ein Knochenjob ist, wird wahrscheinlich nicht jedem klar sein.
Guns N‘ Roses gilt nicht umsonst als eine der kompromisslosesten und am härtesten arbeitenden Livebands der Welt. Und genau das war an diesem Abend jede Minute lang zu spüren.
„Naaa Schätzelein?? Zählste ooch die Ansagen…??“, plöppte es am Ende des Konzertes fröhlich auf meinem Handy auf. Katchen aus’m 1. Rang.
Ick fange überdreht an zu lachen. „Nee, hab ick nich vermisst…zähle eher die Gitarren von Slash …“, meine Finger sausen beim Antworten ähnlich schnell wie ein Solo von Slash übers Display (ditt Blinken hier interessiert eh keine Sau, sind ja nicht in der Philharmonie, wa). Keene Ansagen, tatsächlich. What the…??
Ist übrigens so ne Art Insider zwischen Katchen und mir. Seit Jahren unser Lieblingsthema – vielleicht harmonieren wir ooch deswegen so gut bei den Proben und Gigs – sie die Schweigsame und textstarke Songwriterin, ick die Labertasche, Cellogirl und bekennende Bühnensau. Sie hasst Ansagen („…hör die die Stones an … reden die etwa?!“) – ick hingegen stehe förmlich drauf.
Ansagen hin oder her – vermisst habe ich sie tatsächlich nicht. Abgesehen von ein paar Highlights seitens Axl („I love you too!“), wo das ganze Publikum enthusiastisch tobte. Ebenso wie Slash`s berührender Walk am Ende quer über die ganze Bühne – denn er warf nicht nur ein Plektrum in die johlende Menge, sondern mindestens ein Dutzend. Inklusive abschließender Handstand. Wie er es schafft, dass sein Hut dabei nicht runterfällt, wissen wahrscheinlich nur seine Haarklammern und er.
Aber ehrlich?
Dennoch. Nach vier Stunden Hardrock nonstop wär ditt doch n Klacks. Also runter die Warschauer Straße und ab in die treue U5 – getreu dem GNR Motto: abliefern, durchhalten und weitermachen. Das Leben so nehmen, wie es kommt. Selbst wenn deutschlandweit die Bahn stilliegt und es für mich heisst, tief in der Nacht nach Hause zu laufen – wir rocken das.
Es gibt Bands, die verschwinden. Und Bands, die zwar wieder auftauchen, aber dennoch kaum Spuren hinterlassen.
Und dann jibbts eben Guns N‘ Roses. Die was anderes als weitermachen nicht kennen. Und abliefern. Und sich jeden Abend wieder neu aufstellen. Egal in welchem Zustand Axl’s Stimme ist- also was der an dem Abend abgeliefert hat, davon können sich so einige Sänger, die wesentlich jünger sind als er, ne Scheibe von abschneiden. Just my two Cents.
Das ist echt. Und aus meiner Sicht genau die Art Rock’n’Roll, die wir alle brauchen in dieser irren Zeit.
In diesem Sinne, Freunde.
Machts jut und Ahoi – Danke fürs Lesen.
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